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Energienews 09. Dezember 2020

„Mit einem blauen Auge durch das Corona-Jahr“

Energiemann aus Überzeugung

– Jörg Kuhlmann ist Prokurist der Stadtwerke und zuständig für die Energiebeschaffung und den –vertrieb, sowie für alles rund um die Energiedienstleistungen der Stadtwerke. Er ist bereits mehr als zwei Jahrzehnte in der Branche. Aber ein Jahr wie 2020 hat auch er noch nicht ansatzweise erlebt. 

Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Dortmund und anderen Stationen kommt der 51jährige vor rund zwölf Jahren nach Soest. Dort ist er auch Geschäftsführer zweier Tochtergesellschaften. Das Jahr der Pandemie hat auch die Stadtwerke und das Energiemanagement dauernd vor neue Herausforderungen gestellt. Im Interview schildert Jörg Kuhlmann diese Erfahrungen.

EnergieNEWS: Herr Kuhlmann, zunächst mal für Sie persönlich: Wir ordnen Sie das Jahr 2020 ein?

Jörg Kuhlmann: Privat haben wir bisher alles gut überstanden. Klar hat es Einschränkungen gegeben. Aber mein Gefühl ist, es muss so sein und ganz offenbar können wir jetzt nach vorne schauen. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, es gibt Licht am Ende des Tunnels. Und ganz ehrlich. Ich bin Stadtwerker, meine Frau ist Lehrerin. Privat sind wir ohne Begriffe wie Kurzarbeit oder sonstige Anstrengungen, um über die Runden zu kommen, durch die Krise hindurch. Dafür bin ich dankbar. Das weiß man dann in einer solchen Situation durchaus zu schätzen. Es gab ja auch die andere Seite, in der Menschen durch die Pandemie Leid und Verlust hinnehmen mussten.

 

EnergieNEWS: Entscheidungen zu treffen, ist ein großer Teil Ihres Alltags. Was war diesmal anders?

Jörg Kuhlmann: Natürlich ist es unser Job, Dinge festzuzurren. Aber normalerweise tun wir das auf Grundlage von Fakten, validen Erkenntnissen, Zahlen. In der Pandemie mussten wir oft entscheiden, ohne ganz genaue faktische Basis. Die Politik nennt das „auf Sicht fahren“. Eigentlich ein gutes Bild. Wir hatten die Nase plattgedrückt an der Scheibe, aber viel gesehen haben wir trotzdem nicht. Entscheiden mussten wir dennoch. Das machte es teilweise schwierig.

 

EnergieNEWS: Wo lagen im Stadtwerke-Alltag die größten Baustellen?

Jörg Kuhlmann: Unser Unternehmen ist ein komplexes Gebilde. Es geht um Energie, es geht um Nachhaltigkeit. Aber wir haben auch ein großes Kundenzentrum, wo der Besuch geregelt werden musste. Auch wenn das natürlich nicht in mein primäres Aufgabengebiet fällt. Die Kolleginnen und Kollegen mussten die Monteurteams organisieren, die geschützt und wirkungsvoll eingeteilt werden mussten. Unser Freizeitbad „AquaFun“ war geschlossen, im Frühjahr und jetzt wieder. Oft bedeutete das, hohe Kosten bei spürbar weniger Ertrag.

 

EnergieNEWS: Normalerweise sind das nicht die besten Voraussetzungen für gesundes Wirtschaften?

Jörg Kuhlmann: Nein, das war es auch nicht. Auch uns hat Corona Geld gekostet. Strom und Gas sind Börsenprodukte. Wenn aufgrund einer Pandemie die ganze Wirtschaft spürbar zurückfährt, gibt jedes Stadtwerk zuvor kontrahierte Mengen an der Börse zurück. Das hatte sofort einen massiven Preisverfall zur Folge. Viel Angebot, keine Nachfrage, der Preis stürzt ab. Auch bei uns ein Effekt. Wir haben täglich unsere Prognose bestmöglich angepasst. Aber ein Abverkauf der Mengen war naturgemäß nicht zu verhindern. Unser Portfoliomanagement hatte hier alle Hände voll zu tun. Für uns als Stadtwerke Soest würde ich sagen, wir sind bislang trotz spürbarer Einbußen mit einem blauen Auge durch die Krise gekommen.

 

EnergieNEWS: Jetzt sieht es so aus als stünden Impfstoffe zur Verfügung. Ist die Pandemie bald Geschichte? Wohin geht die Reise?

Jörg Kuhlmann: Weniger Infektionsrisiko, mehr Planungssicherheit – all das wäre natürlich gut, nicht nur für die Energiewirtschaft. Ich denke nicht, dass es jetzt rasend schnell gehen wird. Wir stellen uns auf Einschränkungen auch mindestens im ersten Halbjahr 2021 ein. Aber ich bin von Natur aus Optimist. Unsere Branche steht weiterhin vor großen Aufgaben. Denken Sie an die Klimadiskussion, die E-Mobilität oder die massenhafte Erzeugung und Speicherung von Erneuerbaren Wir haben auch ohne Corona genug zu tun.

 

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